Diese 34 Dinge passieren, bevor ich ein Kinderfoto mache

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Wenn ich ein Foto mache, dann passiert das teils intuitiv, teils durchdacht. Oft gehen mir dabei innerhalb von Sekunden tausend Dinge durch den Kopf. Heute gibt es also mal was ganz Verrücktes zu lesen: meine Gedankengänge beim Fotografieren.  

34 in weniger als 5 Minuten um genau zu sein!

Als Beispiel nehmen wir das Familienfoto ganz oben. Kurz zum Hintergrund: Die Eltern wollten die kleine Molly bei unserer Homestory gerne baden, weil das für die Familie ein besonderes Ritual war. Daher fand ein Teil des Shootings im Bad statt.

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Wir betreten also das Bad, die kleine Baby-Badewanne steht in der Dusche und die Sonne scheint direkt durchs Fenster.

Meine ersten Gedanken:

“Super Licht! Lustig, dass das Bad grade der hellste Raum in der Wohnung ist. Umso besser, dass wir hier jetzt auch noch Fotos machen. Die Badewanne in der Dusche geht aber nicht, das ist zu dunkel. Besser genau in der Mitte vom Bad, vor der Toilette, dann haben wir die Sonne von hinten und der Boden reflektiert das Licht auf die Gesichter. Aber was mache ich dann mit der Toilette? Egal, muss ich halt so fotografieren, dass sie nicht mit im Bild ist.”

Gesagt, getan. Sie baden die Kleine in der Mitte des Bads und ich mache eine Menge Nahaufnahmen. Die Gedanken dazu klammern wir mal aus.

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Dann beschließe ich, den Blickwinkel zu ändern und gehe zurück Richtung Badtür:

"Jetzt könnte ich mal von weiter weg fotografieren, sodass ich die ganze Situation drauf habe. Niedlich, wie Molly das genießt. So ein schöner Moment. Stehen ist nicht gut, komische Perspektive. Ich hocke mich mal hin. Mist, jetzt ist meine Socke nass. Einen Schritt zurück ist glaub ich noch besser. Das Licht im Flur ist ja an. Ich mache das mal fix aus, Kunstlicht brauche ich nicht in meiner Aufnahme. Sicher ist sicher. Ja, das sieht gut aus! Jetzt noch ein bisschen tiefer gehen mit der Kamera, hm, man sieht die Toilette hinter ihm, nicht so schön. Ich rutsche mal weiter nach links. Jaaaa, viel besser! Dann hab ich den Türeingang als Rahmen. Oh, und die Spiegelung in der Duschtür, perfekt! Richtig schöne Komposition, das ist das Foto! Das ist es!

Jetzt kommt grade wieder die Sonne raus! Aaaah, schnell die Verschlusszeit hochkurbeln [rrrrraaatsch], Fokuspunkt auf Molly's Gesicht [tacktacktack]. Blende f/2.5 sollte reichen, befinden sich ja alle auf einer Ebene. Wie sehen die Ecken des Bildausschnitts aus? Sieht gut aus. Keiner der Eltern redet, super. Mama sieht gut aus, Papa auch. Besser geht's nicht. Außer wenn jetzt noch Molly zu mir schauen würde... oh, sie guckt!" [Klick!]

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Ganz schön viel, was da so im Kopf vorgeht, oder? Es gibt so viele Faktoren, die ein gutes Foto ausmachen und mit diesem Beispiel möchte ich Euch zeigen, wie man in Sekundenschnelle intuitiv unzählige Entscheidungen trifft.

Im Grunde sind es 4 Dinge, die ich bei dieser Aufnahme bedacht habe. So gehe ich meistens vor, wenn ich Kinder und Familien fotografiere.

1. Licht

Wie ist die Lichtsituation im Bad? Habe ich weiches oder hartes Licht? Aus welcher Richtung kommt das Licht? Wird das Licht reflektiert? Habe ich ausreichend Licht für mein Fotomotiv?

Warum Du beim Fotografieren immer zuerst an das Licht denken solltest, kannst Du hier nachlesen: {Teil 2} Blogserie Manuell fotografieren - ISO und Licht

Die Herausforderung hier war, dass es ein bewölkter, wechselhafter Tag war. Alle paar Sekunden schien die Sonne kräftig ins Bad und verschwand dann wieder hinter einer Wolke. Mal war es ganz hell, dann wieder dunkel. In der halben Stunde, die wir im Bad verbracht haben, musste ich also konstant die Blende und Verschlusszeit anpassen, um ein richtig belichtetes Foto zu haben.

Ich fotografiere gerne mit Gegenlicht, weil ich die Bildwirkung mag. In dieser Situation hätte man auch in Richtung des Lichteinfalls fotografieren können. Dann hätte es aber leicht passieren können, dass die Gesichter durch die direkte Sonne überbelichten und das wollte ich vermeiden.

2. Technik

Welchen ISO-Wert brauche ich für diese Lichtsituation? Wo soll die Schärfe im Foto sein und welche Blende brauche ich dafür? Welche Verschlusszeit passt am besten?

Ich fotografiere immer im Manuellen Modus. Das ist gerade bei schwierigen Lichtsituationen von Vorteil, egal ob bei schlechten Lichtverhältnissen im Winter oder bei einem Sonne-Wolken-Mix wie hier.

Wenn Du Deine Kamera besser verstehen möchtest, kann ich Dir meine 6-teilige Blogserie “Manuell fotografieren lernen” sehr ans Herz legen. Dort zeige ich Dir Schritt für Schritt leicht verständlich, wie Du mit Deiner Kamera schöne Kinderbilder im Familienalltag machst.

3. Bildaufbau

Was sieht man im Bild? Was soll im Mittelpunkt stehen? Wo soll der Blick des Betrachters hinwandern? Welche Elemente im Bild möchte ich nicht zeigen und lieber verdecken? Wie vermeide ich störende Elemente am Bildrand?

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Auch in kleinen Räumen kann man kreativ werden! Von nah dran oder weit weg, stehend oder hockend, oben oder seitlich fotografieren. Ich habe viele verschiedene Perspektiven probiert, bevor ich bei diesem Bildausschnitt gelandet bin. Den Hintergrund fand ich eigentlich zu unruhig, das ließ sich aber nicht ändern, weil ich hier das ganze Bad mit der Badesituation von weiter weg zeigen wollte.

Um ein Bild “optisch auszuräumen” gehe ich gerne ganz nah ran oder ich nehme Türen und Rahmen mit in den Vordergrund. In diesem Fall hat die Tür der Dusche praktischerweise den Toilettensitz verdeckt. Hier habe ich übrigens auch Tipp Nr. 4 aus diesem Blogartikel angewandt:

Schöne Kinderfotos trotz Chaos: 7 Tipps für den Familienalltag


4. Der perfekte Moment

Haben alle die Augen auf? Wie schauen sie? Welche Interaktion gibt es zwischen den Personen im Foto? Wann ist der beste Zeitpunkt, um den Auslöser zu drücken?

Wenn alles stimmt - Licht und Technik und Bildaufbau - schaue ich in die Gesichter und warte auf den idealen Moment, um den Auslöser zu drücken. Es lohnt sich, mehrere Aufnahmen zu machen. Je mehr Personen ich im Bild habe und je mehr Interaktion stattfindet, desto öfter werde ich auslösen. Denn ab und zu hat doch mal jemand die Augen zu.

Manchmal denkt man, man hat schon das beste Foto im Kasten, besser wird’s nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es oft eine gute Idee ist, noch ein bisschen länger zu warten und zu schauen, was passiert. Gerade wenn man beobachtend und lieber dokumentarisch fotografiert, braucht man Geduld für den perfekten Moment.

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Wenn Du mit der Fotografie noch ganz am Anfang stehst und gerade dabei bist, Deine Kamera besser kennenzulernen, fühlst Du Dich von meinem fotografischen Gedankenkarussell vielleicht überfordert. Du musst nicht denken, dass Du auch so fotografieren musst! Meine Gedanken und Entscheidungen beim Fotografieren sind das Resultat jahrelanger Erfahrung.

Als Foto-Anfänger ist es völlig normal, dass man sich erstmal vor allem auf die richtigen technischen Einstellungen konzentriert. Je öfter Du die Kamera in die Hand nimmst, desto sicherer wirst Du mit der Technik und desto besser schulst Du Deinen Blick für kreative Motive und spannende Bildausschnitte. Dranbleiben lohnt sich! Je mehr Erfahrung Du hast, desto schöner werden Deine Kinderfotos und desto mehr findest Du intuitiv Deine eigene Bildsprache.

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